Das Erbe Canalettos – Eine Spurensuche in Pirna

Canaletto Darsteller

Seit Jahrhunderten hat Sandstein seinen festen unverrückbaren Platz in Pirna. Innerhalb der gesamten Architektur- und Wirtschaftsgeschichte der Stadt spielt der Stein eine bedeutende Rolle – in der denkmalgeschützten Altstadt wurde der Großteil der Häuser aus dem regionalen Elbsandstein gebaut. Etwa 300 Baudenkmäler wie Hausfassaden, Arkadenhöfe, Erker, Giebel und Sandstein-Sitznischenportale sind bis heute erhalten. Viele stammen aus dem 15./ 16. Jahrhundert und alle erzählen eine Jahrhunderte alte Geschichte.

Einige Gebäude wurden auf großen Ölgemälden verewigt. Gemalt wurden sie durch den bedeutenden italienischen Vedutenmaler Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, im Auftrag des Kurfürsten Friedrich August II. Von 1753 bis 1755 fertigte er insgesamt elf Ansichten der Stadt Pirna. Damit ist Pirna neben Dresden die einzige sächsische Stadt, die in den Werken des Rokoko-Meisters auftaucht.

Alle der im Auftrag des Kurfürsten gemalten Meisterwerke, die zwischen 1,30 Meter und knapp 2,40 Meter groß sind, werden heute in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden ausgestellt.

Das Besondere: Bernardo Bellotto malte Pirna nicht nur auf Leinwände, sondern setzte sechs der Bilder auch in Radierungen um. Diese sind heute für Bauforscher und Historiker eine einzigartige Quelle. „Die Genauigkeit ist frappierend. Die hohe künstlerische Wirkung kommt von der sorgsamen Motivwahl, dem Einsatz der Schatten, Farben, Staffagen und Stimmungen“, fügte Werner Schmidt hinzu.

In Erinnerung an den bedeutenden Maler wird jedes Jahr im April das „Lebendige Canaletto-Bild“ nachgestellt. Rund 50 Laienschauspieler des Vereins "Der Retter e.V." positionieren sich so, wie es Canaletto verewigt hat, und verharren einige Minuten zum Fotografieren. Warum im April? Am 26. April 1753 erhielt Canaletto das kurfürstliche Dekret, in Pirna malen zu dürfen.

Bei der Anfertigung einer sogenannten Vedute ging Bellotto stets ähnlich vor. Zunächst wurden mehrere kleine und mittlere Zeichnungen mit Hilfe einer „Camera obscura“ angefertigt, die dann in einer großen, endgültigen Zeichnung verarbeitet wurden. Ergänzend fertigte Bellotto auch Skizzen architektonischer Details und freie Skizzen der Staffagefiguren im Maßstab des Gemäldes an. Diese Zeichnungen wurden sorgfältig aufbewahrt, denn sollte ein Bild nochmals ausgeführt werden (was ja wirklich geschah), benötigte er nicht das Original, sondern konnte bis an sein Lebensende anhand der Zeichnungen Wiederholungen anfertigen. Vor allem diese Staffagefiguren schufen auf den Gemälden eine lebendige Atmosphäre. Versetzt man sich in die Bilder hinein, kann man sich das Gerede der Bürgerfrauen im „Marktplatz von Pirna“, das liebevolle Gespräch der Mutter zu ihrem Kind in „Pirna vom Sonnenstein gesehen“ oder auch das Wiehern des Pferdes auf dem Gemälde „Die Breite Gasse in Pirna“ gut vorstellen. Das, was der Künstler malte, war das Leben in Pirna Mitte des 18. Jahrhunderts. Er malte schon damals Sandstein voller Leben, so dass dieser zum festen und wichtigen Bestandteil unserer facettenreichen Stadt geworden ist.

„Canaletto und die von ihm überlieferten Ansichten der Stadt gehören zur kulturellen Identität Pirnas. Insbesondere der Vergleich der berühmten Marktansicht und der Stadtsilhouette vom Copitzer Elbufer mit der heutigen Situation sind ein Regulativ für das Traditionsbewusstsein der Pirnaer. Das historische Stadtbild ist über bewegte Zeiten hinweg fast unverändert erhalten worden. Dennoch ist die Stadt nicht museal erstarrt, sondern wurde stets behutsam und im Geiste ihrer Tradition weiterentwickelt und belebt. Wir müssen in Pirna nicht wie etwa in Dresden, wehmütig auf die Canaletto-Veduten schauen, sondern können stolz auf das erhaltene und lebendige Stadtbild verweisen“, sagt René Schmidt, ehemals Chef der Kultur- und Tourismusgesellschaft Pirna mbH. Reproduktionen der Gemälde und ein Nachbau der Camera Obscura sind im Canaletto-Haus, in dem sich heute der Touristservice befindet, zu sehen. Erleben Sie das „Lebendige Canalettobild“ jedes Jahr im April und folgen auch Sie den Spuren des Meisters, verinnerlichen Sie die Stadt-Ansichten und versuchen Sie doch mal, die heutige Position zu finden, welche der gleichkommt, die Canaletto damals für seine Werke einnahm. Sicher entdecken Sie, was sich seitdem alles verändert hat.

© Sigrid Rehak

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Pirna – Sandstein voller Leben

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